Praxisschock – Was soll das sein?

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Ein Wort zum so genannten „Praxis-Schock“.

„Praxisschock“ bezeichnet die Diskrepanz zwischen Studenten-/Ausbildungsleben und Berufsalltag, die zum Teil so groß sein kann, dass sie subjektiv als schmerzhaft empfunden wird. Die Erkenntnis, dass das bislang erlernte Wissen „nichts nutzt“ führt häufig zu Unsicherheit, Angst und einem „Ich kann nichts, was ich brauche“-Gefühl. Auch Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit schleichen sich oft ein. In manchen (heftigen, aber gar nicht so seltenen) Fällen kommt es sogar zu Erkrankungen als Folge der massiven Stressbelastung.

An alle angehenden Ergotherapeuten da draußen (ja, du bist gemeint!):
Das, was du in Ausbildung und Studium lernst, ist bestenfalls sehr gut, richtig und wichtig. Das, was du in der Praxis als Ergotherapeut tun wirst, ist ebenfalls bestenfalls sehr gut, richtig und wichtig – sieht aber in einem Großteil der Fälle erstmal komplett anders aus.

Beispiel: Für die Berichte innerhalb der praktischen Ausbildungsphasen wurde ein Umfang von 10-20 Seiten vorgegeben. Warum? Damit du lernst, ein Erkrankungsbild, seine Ursachen und Folgen zu erkennen und theoretisch die bestmöglichen, evidenzbasierten Maßnahmen einzuleiten. Die Berichte, die in der Praxis verfasst werden, sind eigentlich immer kürzer, höchstens 3 Seiten lang oder bestehen aus vorgefertigten Textbausteinen. Warum? Weil den Zeitaufwand für längere Texte niemand bezahlt und wahrscheinlich auch nur in Ausnahmefällen jemand liest.

Du hast noch mehr Beispiele? Ab in die Kommentare damit!!

Das ist ein krasser Widerspruch und sicherlich nicht der einzige zwischen Theorie und Alltag. So geht es allerdings nicht nur dir, sondern auch den „alten Hasen“, die auf einmal vor Worten wie „Studiendesign“, „Paradigma“ und „Evidenzbasierung“ stehen – dabei hat niemand bewiesen, dass ihre Arbeit nicht ebenso erfolgreich war, wie deine sein soll.

 

Was kann ich tun?

Die Praxis kennenlernen und für sich selbst festlegen, was einem persönlich für die eigene ergotherapeutische Behandlung besonders wichtig ist. Wenn du z.B. nach dem Examen in einer Praxis anfängst , in der es keine oder nur veraltete Assessments gibt – dann kannst du natürlich deinen Chef bitten, eines anzuschaffen. Du musst dann aber ggf. auch begründen, warum er das Geld investieren soll. Ein guter Kompromiss kann es sein, sich kostenloses Material zu besorgen oder auf Unterlagen aus der Lernzeit zurückzugreifen. Wenn deine Arbeit nach dem eigenen System (soweit es bei dir auf Arbeit erlaubt ist, so selbstständig zu arbeiten) gut ist und die Dokumentation und die Fortschritte stimmen, dann wird es Zeit, den Kollegen dies vorzustellen. Nicht besserwisserisch, sondern konstruktiv und als Vorschlag. Vielleicht ist der Vorgesetzte dann eher bereit, Innovationen voranzutreiben und aufzurüsten. Vielleicht sollst du sogar eine interne Schulung für die Kollegen vorbereiten?

Wer sich dem alleine nicht gewachsen fühlt, sollte sich Freunde oder Fellow OTs zum Austausch suchen: z.B. im Rahmen eines Coachings, einer Supervision, themenzentrierten Foren oder sonstigen Gruppen (siehe Facebook und Co).

Du kannst auch diese Seite nutzen und Beispiele in die Kommentare schreiben. Ich werde dann nach bestem Wissen und Gewissen versuchen, dich zu unterstützen!

2 Gedanken zu „Praxisschock – Was soll das sein?

  1. Ich habe ein ähnliches Beispiel welches dazu passt. In der Ausbildung und Studium wird evidenzbasierte Arbeit immer wieder angepriesen. Man soll aktuell bleiben und passende Zeitschriften lesen, damit eine gute Therapie gewährleistet werden kann. Fraglich ist, wie finde ich die Zeit in meinem Praxisalltag noch irgendwelche Fachzeitschriften zu lesen, zu beurteilen und sie am Besten so schnell wie möglich umzusetzen (wenn ich sie für therapeutisch Wertvoll halte)? Soll mein Chef vorsortieren? Aber wie finde ich als Praxisinhaber die Zeit das zu machen?

    1. Praxisinhaber, die sich wirklich für wissenschaftliche Therapien interessieren, investieren viel (Frei) Zeit, um aktuell zu bleiben und räumen ihren MitarbeiterInnen Fortbildungstage etc. ein.
      Der Standard ist das aber leider nicht. Wenn du in einer Fachzeitschrift oder online auf interessante Inhalte stößt, könntest du sie bei der nächsten Teambesprechung ja mal anbringen oder eine Zusammenfassung ins Fach vom Chef legen. Es kommt bei so etwas sicherlich auf die Zusammenarbeit im Team an, wie viel Freiraum für Entwicklung der Therapie geboten wird.

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