Therapie-Geschichten #2 Origami Schmetterlinge

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Der Start einer Therapie, speziell einer Gruppentherapie, ist für alle Beteiligten aufregend.

Für die Therapeuten, weil sie ihre Einzelsetting-Klienten (endlich) einmal im Gruppenkontext erleben können und die Interaktionen und Zwischenmenschlichkeiten (Gruppendynamik) einer solchen Konstellation den therapeutischen Weg maßgeblich beeinflussen können.

Für die Teilnehmer, weil sie sich mit vielen fremden Gesichtern und Erwartungen konfrontiert sehen, ohne zu wissen, mit wem sie künftig an einem Tisch sitzen werden. Wann mussten Sie zuletzt 5 neue Namen auf einmal lernen und sie behalten? Wie fühlte sich das an?Es ist spannend zu beobachten, wie sich die Rollen verteilen, wer mit wem gut kann, wer sich wohin setzt, wer eher still und verschwiegen für sich bleibt oder wer voraus prescht und Schwung in die Gruppe bringt.

Gruppendynamik entsteht mit der Zeit von allein. Kein Grund, sie nicht von Anfang an positiv zu beeinflussen und zu reflektieren. Es kommt zudem recht häufig vor, dass neue Teilnehmer zu bestehenden Gruppen hinzustoßen, was Unbehagen und Stress wecken kann. Rituale und klare, überschaubare Abläufe ermöglichen es allen Beteiligten, sich schnell und reibungslos ins Geschehen einzubringen.

 

Schmetterling in Hand2
Zerbrechlich, erhaben, wandelbar, schnell, schön, sorgenfrei, wichtig, unabhängig, mutig, bunt, überall, anpassungsfähig, flatterhaft, naturverbunden, gesellig, grazil. Alles Attribute, die Klienten  mit Schmetterlingen verbinden.

Betätigung:
Als Ankommens-Aktion haben wir mit einer psychisch-funktionellen Gruppe einen Origami-Schmetterlings-Schwarm hergestellt. Die Anleitung gab es auf Youtube, der Pappkreis oben ist improvisiert aus Resten und die Bänder stammen aus dem Bastelladen. Wir haben sowohl Origami-Faltpapier, als auch normales, farbiges Papier verwendet.

Der Schmetterling als Motivtier wurde ausgesucht, weil er ein relativ leicht zu faltendes, gleichzeitig aber auch symbolträchtiges, fliegendes Tier ist. Es wurden keine Sprüche, Wünsche oder Namen aufs Papier gemalt. Die Gruppe verbrachte eine Doppelstunde mit falten, ca. doppelt so lang mit den Aufhängungen. Falten fiel leicht, das befestigen mit Band war eher frustrierender.

 

Wofür das ganze?
Ein Schwarm Origami-Schmetterlinge sieht nicht nur schön aus – er steht auch symbolisch für den Zusammenhalt der Gruppe, für Stärke, gleichzeitig Zerbrechlichkeit und Achtsamkeit, für Natur und Schönheit. Der eigene Schmetterling muss nicht perfekt  gefaltet werden, um fliegen zu können. Seine Farbe muss nicht erzwungen abgepasst werden auf die der anderen. Sein Größe spielt keine Rolle und ein paar Ecken und Kanten schaden seiner Ästhetik auch nicht.

Eine Teilnehmerin ärgerte sich , weil ihr Schmetterling „nicht so ordentlich war wie der einer anderen“. Außerdem fiel es ihr schwer, die bunten Flattermänner  so mit durchsichtigem Band zu befestigen, dass sie perfekt austariert waren. Frust kam auf.

 

Ein paar Meter zurückzutreten und den beachtlich großen Schwarm aus einer gewissen Entfernung auf sich wirken zu lassen, tat hier gut: Es fiel überhaupt nicht auf, dass ihr Schmetterling nicht perfekt war. Es spielte auch keine Rolle, ob er ein wenig schief hing – es wirkte eher lebendiger und frischer, dass da einer ein wenig aus der Reihe flog.

Solche Momentaufnahmen haben großen Effekt auf die Selbstreflexion, die Ansprüche an sich selbst und die Eigenbewertung. Es stimmt ja, dass der rechte Flügel 0.5cm größer ist als der linke, dass er einen Knick hat und etwas schief hängt! Das ist keine falsche Wahrnehmung – die Bewertung, die damit verbundene Abwertung der eigenen Person ist es, die therapeutisch thematisiert werden sollte.

 

Fazit: Im Gesamtbild spielen die Macken und Unregelmäßigkeiten keine Rolle!

 

Im Gegenteil, sie beleben und bereichern den Schwarm sogar.

Schmetterlingschwarm

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Praxistipp:
Das „einen Schritt zurücktreten“ oder auch „auf einen Berg klettern und von dort auf die Situation herabschauen“ kann dabei helfen, aus der Situation heraus und in eine Meta-Sicht mit Blick auf die Situation herab zu wechseln. Man steckt dann nicht mehr mitten drin, sondern nimmt eine neue Perspektive ein. Das kann helfen, neu und anders über die persönliche Lage nachzudenken, kreative Lösungswege zu entdecken oder alles frisch zu strukturieren.

Zirkuläres Fragen wie „Was würde Ihr xyz Ihnen vorschlagen zu tun?“ „Wie würde Ihr Hund auf diese Nachricht reagieren?“ „Wenn es nicht Ihr Schmetterling, sondern der Ihres besten Freundes ist, was würden Sie dann sagen?“ kann ebenfalls helfen, neue Perspektiven für sich zu entdecken.

Schmetterlinge.png____________________________________________________________________________________________

Mit der Zeit und neuen Teilnehmern wächst der Schwarm immer weiter. Kommt ein Ehemaliger zu Besuch oder beginnt eine neue Therapie, wird der Blick stets zu den Schmetterlingen wandern. Sätze wie „Oh, meiner fliegt ja noch immer mit!“ oder „Sie haben den nicht weggeworfen?“ oder „Ich weiß noch, was ich mir einen abgebrochen hab, dat Ding da dran zu bekommen“ sind zu erwarten :D. Ein Wiedereinstieg beginn so viel freier, erleichterter und lockerer. Es kann natürlich passieren, dass der Klient „kippt“ und dies mit einem „Jetzt bin ich wieder hier…“ kommentiert. Der erfahrene Therapeut kann dies allerdings geschickt aufgreifen und z.B. kontern mit „..und diesmal bringen Sie noch einiges mehr an Erfahrungen mit. Möchten Sie ihren Schmetterling anpassen oder einen neuen gestalten? Oder soll ihr alter Schmetterling als Erinnerer einfach weiter mitfliegen?“

Die Herstellung des Schmetterlings dient der Befundung (durch den Therapeuten; Genauigkeit, Sorgfalt, Ausdauer, feinmotorische Kompetenzen, Frustrationstoleranz, Arbeit nach digitaler Anleitung, Selbstständigkeit), dem langsamen Einstieg in Gruppenarbeiten und Arbeitsabläufe in der Therapie.

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Praxistipp:
Persönliche Ängste oder Erwartungen an die Gruppe, Stärken, Schwächen und Glaubenssätze können (mit oder ohne Namen) vor dem Falten aufs Papier gebracht werden. Sie werden mit dem Schmetterling  (davon) fliegen, sind auf einmal federleicht und gar nicht mehr genau zu lesen/ zu erkennen, obwohl sie natürlich immer noch da sind. Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Wichtig ist jedoch, den Teilnehmern Sinn und Zweck der Übung vorher zu erläutern und auf Widerstände oder Unverständnis, Vorbehalte und Unsicherheiten professionell einzugehen.

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Schmetterlinge

 

 

 

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